OHRENSESSEL-GEDANKEN

OHRENSESSEL-GEDANKEN 15.18 – Der erste Weihnachtsbaum

 

Still steht er da, geschmückt von ihrer liebevollen Hand mit Silberkerzen, Glitzerkugeln und Lametta. Es ist ein ganz besonderer Baum. Wunderschön dicht sind seine Zweige. Der, der ihn ausgesucht hat, hatte Ahnung von Bäumen, möchte man meinen. Dabei, war es sein erster Baum.

Er ist über 40 Jahre alt und kommt aus einem anderen Land. Es ist nicht seine Tradition, einen Weihnachtsbaum auszusuchen und aufzustellen. Aber seiner Frau zuliebe macht er das.

Seine Frau hat den Baum dann so schön geschmückt, dass er ehrfürchtig vor ihm steht.

Die Baumschmückerin wurde vor Jahrzehnten als Kind in ein fremdes Land entführt. Sie gehörte damals einer Glaubensgemeinschaft an, wo Weihnachtsbäume verpönt waren.

Heute, da sie auch die 40 schon überschritten hat, ist sie auf der Suche nach ihren eigenen Wurzeln. Die fremde Tradition hat sie kennengelernt, aber ihre eigene wurde ihr genommen.

Das Lied „Stille Nacht“ zu singen, das wäre zu viel gewesen.

Aber Geschenke liegen unter dem Baum, so will es die Tradition, dass man sich gegenseitig beschenkt.

Vor dem Geschenke verteilen und auspacken gibt es ein gutes Mahl.

Er und sie haben sich auch zwei Gäste eingeladen – ihre Schwester und seinen Cousin aus einem anderen fremden Land. Auch für die beiden ist es ein erstes traditionelles Weihnachten.

Mit Musik und erwartungsvollen Gesichtern werden dann die Geschenke ausgetauscht. Was ist das für eine Freude.

 

© Sophie Atheo

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OHRENSESSEL-GESCHICHTE 3.17 – Der andere Weihnachtsabend

20171224_erloschene_kerzeDas geschäftige Treiben und Vorbereiten der Menschen für den Heiligen Abend nahm sie aus der Ferne wahr. Aus der Ferne, das heißt, sie beobachtete die emsig hin und her laufenden Menschen von ihrem Fenster aus. Da wurde noch alles geputzt und geschmückt, Bäumchen mit Lichter versehen und Frohe Weihnacht gewünscht.

Und nun ist es so weit. Der Heilige Abend ist da.

Sie sitzt in ihrem Ohrensessel. Es ist still um sie herum. Auch draußen ist es still. Kein Laut kommt an ihre Ohren. Nur das Summen der vergehenden Zeit, das hört sie … seit einigen Tagen. Immer wenn es ganz still ist um sie herum, hört sie es.

Da dringt urplötzlich eine harte Männerstimme an ihr Ohr.

Starr vor Schreck klammert sie sich mit beiden Händen an die Armlehnen ihres Sessels. „Nein!“ denkt sie. „Heute nicht.“ Aber, da waren sie schon da die Bilder, in all ihrer Heftigkeit. Die Bilder von dem Mann, der ihr zwölf Jahre ihres Lebens und ihre Jugend gestohlen hatte.

Er war ein feiner Herr nach außen. Gebildet, umgänglich, wohlerzogen und -angezogen. Ja, das war er nach außen.

Aber seine Seele war schwarz. Das war so eine subtile Schwärze, die er meisterhaft verstand zu verkleiden und als anziehendes Licht darzustellen. Und sie war die dumme Fliege, die sich davon blenden ließ. Immer wieder ließ sie sich von dieser vermeintlich wohligen Wärme anziehen um sich dann an seinem Eis ihren Körper zu verbrennen.

Er hatte ihren Körper, ihre Seele und ihr Denken für seine eigenen Zwecke ge-, ver- und missbraucht.

Das war möglich, weil sie unwissend war. Das war sie wirklich, war sie doch fast gänzlich abgeschieden und eingesperrt aufgewachsen. Ihre Eltern, die nur ihre eigenen Interessen verfolgten, hatten es versäumt, sie auf das Leben vorzubereiten. Als sie vier Jahre alt war, entschieden sie sich, dem Gedankenkonstrukt einer Gemeinschaft beizutreten, das das gesamte Leben samt Denken reglementierte und vorschrieb. In diesem Gedankenkonstrukt war auch kein Platz für Weihnachten.

Und das alles wusste der feine Herr. Er wusste, dass sie bewusst noch nie Weihnachten gefeiert hatte.

Da sie so gesellschaftsfern aufgewachsen war, war sie bei seinen Eltern nicht willkommen. Diesen Umstand versuchte er nie zu ändern. Im Gegenteil. Als sie ihren Wunsch äußerte, gerne Weihnachten im Kreise seiner Familie verbringen zu wollen, lächelte er ihr leicht amüsiert ins Gesicht und sagte mit harter Stimme:

„Du hast kein Recht auf Weihnachten!“.

Still und regungslos sitzt sie da in ihrem Ohrensessel und lässt es einfach passieren, dieses Hämmern dieser Worte in ihrem Kopf. Langsam verhallen diese harten Worte.

Und langsam kehrt sie wieder in die Gegenwart zurück.

Sie nimmt sich vor, bis zum nächsten Jahr zu überlegen, wie sie in Zukunft Weihnachten erleben möchte.

Was sie positiv mit dieser besonderen Zeit im Jahr verbindet, ist die Besinnlichkeit, die mit dem Wort Weihnachten verbunden ist.

Da wird sie anknüpfen, an der Besinnlichkeit…


OHRENSESSEL-GESCHICHTE 2.17 – Der bewusste Augenblick

OHRENSESSEL-GESCHICHTE 4.18 – Beunruhigt


© Text und Bild Sophie Atheo