THERAPIE

THERAPIE 3.19 – Lob und ICH

 

Hallo Ihr Lieben!

Nun ist etwas Zeit vergangen seit meinem letzten Beitrag.

Ich bin seit gestern auf der Psychotherapiestation. Konnte mich endlich soweit stabilisieren, dass ich hierher kommen konnte.

Und es ging gleich so richtig los. Die Ärztin, die Therapeuten, die Schwestern wollen mich kennen lernen. Ich schaffte es jeweils in knapp einer Stunde einen fragmentarischen Abriss meines Lebens bzw meiner Erlebnisse zu formulieren. Und das muss man am Anfang durchlaufen. Es ist sehr aufreibend für mich. Meine Nerven liegen blank.

In der Achtsamkeitsgruppe um 8.30 Uhr wurden wir aufmerksam gemacht, dass der Mensch Lob braucht. Wir mussten unserem rechten Sitznachbarn ein Lob aussprechen, etwas, was uns an ihm gefiel bzw was man als besonders empfindet sollten wir ihm sagen. Das ist gar nicht so einfach, wenn man die Mitpatienten noch nicht kennt.

Ich habe mich so konzentriert auf das, was ich meiner Sitznachbarin sagen wollte, dass ich komplett vergessen habe, wofür mich mein linker Sitznachbar gelobt hat, oder was er an mir Positives fand. Schrecklich! Das geht gar nicht! Aber es ist so und hat mir gezeigt, wo ich stehe. Und zwar bin ich meistens im Menschen, der mir gegenüber ist. Sobald ich unter Menschen bin, starten meine „Chamäleon-Eigenschaften“. Das heißt, ich umschließe die jeweilige Person mit meinen Armen, nehme seine „Farbe“ an, bzw versuche ich das zumindest. Ich versuche vehement zu erspüren, was der andere von mir erwarten könnte, oder was ihm Freude machen könnte. Und ich versuche das dann zu geben.

Am Nachmittag hatte ich ein Gespräch mit meiner Therapeutin. Danach stand ich total neben mir und musste so heulen, ich konnte gar nicht mehr aufhören damit. Der Grund dafür war, dass sie mir sagte, ich solle mich während der Therapie nur auf mich konzentrieren und ich sollte keinen Kontakt zu den Täterpersönlichkeiten haben. Ich hatte seit einigen Tagen eine telefonische Verbindung zu einem der Täter. Er hatte mir geschrieben und ich rief ihn an. Total verrückt! Geht auch gar nicht!

Die Therapeutin erklärte mir, warum kein Kontakt so wichtig sei. Eben weil ich mich auf mich konzentrieren soll und ein Kontakt in Täterrichtung die Therapie schwer beeinträchtigen würde.

Ich habe dann den Täter angerufen und mich von ihm verabschiedet. Seine Reaktion war total unerwartet. Er sagte, er würde das verstehen und ich solle mich nur auf mich konzentrieren und er wünsche mir alles Gute.

Total baff war ich! Alles hätte ich erwartet, nur nicht so was. Mir war nur mehr zum Heulen. Eigentlich hätte ich mich vielleicht freuen sollen, darüber dass da so viel Verständnis rüber kam, aber vielleicht ist es von ihm auch nur eine Taktik, mich zu gewinnen. Ich weiß einfach nicht, was da genau passiert war… jedenfalls war die Verwirrung perfekt…

Ich holte mir Hilfe bei der Stationsschwester, obwohl ich da große Zweifel hatte, dass das ein richtiger Schritt wäre. Aber es war der richtige Schritt, sie bestätigte mir das. Und sie erklärte mir den Hintergrund, warum so ein Kontakt während der Therapiephase nicht sein darf.

Ich sollte mich auf mich allein konzentrieren (ich wiederhole mich). Ich sollte zu mir kommen. Ich sollte ganz ins Hier und Jetzt kommen. Das wiederholte sie mehrmals, sodass es auch bei mir ankommen konnte.

Nach dem Gespräch habe ich versucht, wenigstens einige Momente das zu erreichen … nicht in der Vergangenheit, nicht in einem anderen Menschen, ganz im jetzigen Moment zu sein. Leider klappte das überhaupt nicht. Ich spür(t)e mich nicht.

Im Moment bin ich ganz durcheinander. Ich habe Musik im Ohr, Vangelis untermauert mein trauriges inneres Befinden. Ja, traurig bin ich, sogar sehr, fast übermächtig ist die Traurigkeit. Sie bemächtigt sich meiner und begräbt mich unter sich. Wo ist mein ICH? Gibt es das überhaupt? Ist es da, und ich muss es nur finden, oder muss ein ICH erst entwickelt werden?

Viele viele Fragen, die ich gerne beantwortet hätte…

Aber ich bin sicher richtig hier auf der Psychotherapiestation. Ich hoffe, dass ich Antworten finden werde…

—–

Oh, wollte gar nicht so viel schreiben. Jedenfalls sage ich danke fürs Lesen bis hierher.
Habt noch eine gute Nacht.
Morgen ist ein neuer Tag, ein Neubeginn ist wieder möglich!

Alles Liebe
von Eurer
Sophie

 


THERAPIE – Übersicht


 

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21 Gedanken zu „THERAPIE 3.19 – Lob und ICH“

  1. Da war jetzt wieder die Freiheit, und daß Du frei sein darfst. Er hat Dir einen Auftrag mitgegeben. Es gibt auch gute Charaktere unter den Tätern. Wenn ich damit richtig liege, wen Du meinst, dann hab ich Dir ja schon mal geschrieben, daß ich auch welche unter „ihnen“ kennen lernen durfte. Sie haben mich vollkommen unbehelligt gelassen. Natürlich hab ich aber gleichzeitig auch weniger feine Charaktere unter ihnen kennen gelernt, doch letztlich sind wir alle nicht, ähm, frei von Sünde. ;-) Von Herzen kommende Wünsche mit Bussi für Deine Genesung. :-)

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    1. Liebe Edith,
      ich lasse deine Zeilen mal so stehen wie sie sind.
      Nur mit dem Wort Sünde tu ich mich sehr schwer, weil das aus meinem früheren religiösen Bewusstsein so negativ behaftet ist. Bitte aber, mich nicht falsch zu verstehen. Ok?
      Alles alles Liebe für Dich und auch ganz herzliche Grüße von Sophie :)

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      1. Grauslich, geht mir nicht anders damit. Wollte mit einem leisen Augenzwinkern diese – wie nennt sich das noch – Bibelzeile zitieren mit „der werfe den ersten Stein“, weil wir doch alle menschlich sind. Hab interessanterweise hinterher extra nochmal genau darüber nachgedacht, also daß ich mich vielleicht doch lieber hätte für „ohne Fehl und Tadel“ entscheiden sollen. Herzlichst grüßt Dich nochmals Deine edith. :-)

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  2. Liebe Sophie,
    das sehe ich auch so. Es ist wichtig, dass Du Dich selbst wieder kennen lernst.
    Im Achtsamkeitstraining, kommt es erstmal darauf an, dass man die Dinge wieder wahrnimmt, wie sie sind – und zwar, ohne sie gleich bewerten zu wollen.
    Wir gehen alle oft verblendet durch den Alltag, weil wir die vorgefertigten Sichtweisen und Meinungen übernehmen, die haufenweise an uns herangetragen werden. … dies so lange, bis wir uns selbst nicht mehr sehen.
    Das kann nicht gut gehen. Jeder Mensch hat selbst auch Bedürfnisse – die kann man nicht einfach umgehen.
    Nimm Dir die Zeit in der Klinik, Sophie und genieße es, dass Du einfach nur für Dich sein kannst und darfst.
    Alles Liebe,
    Michael

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    1. Lieber Michael,
      ja, ich bin grade dabei anzufangen, mich zu entdecken… gar nicht so einfach und ein Unterfangen, das doch ziemlich an Kraft fordert.
      Wir haben jeden morgen Achtsamkeitsgruppe, wir sind erst mal beim „Sich-etwas-Gutes-Tun“. Ich schätze mal, das mit dem „Bewerten“ kommt noch. Sehr interessant jedenfalls.
      Ich erahne grade so ein bisschen wie gut das ist, einfach nur für mich zu sein…
      Alles Liebe von Sophie :)

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  3. Es ist überhaupt gut, mal gar keinen Kontakt nach zu Hause zu haben. Ob jetzt Täter oder gute Freunde oder was auch immer. Wirklich mal alles, was daheim ist ruhen lassen, und sich nur mit sich beschäftigen. Das ist gar nicht so einfach, aber es bringt einen wirklich weiter. Ich wünsche dir alles Gute und viel Erfolg für den Aufenthalt!
    Und ja….die ersten Tage sind total überfordernd, ich kenne das auch so und hätte wahrscheinlich auch nicht mitbekommen, was mein Nachbar über mich gesagt h#tte.

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  4. Dein Ich ist wohl noch verzagt, aber es hat so lange das Chamäleonisieren gelernt, dass es Zeit braucht, um seine eigenen Farben ohne Scheu leuchten zu lassen. Was du über deine Therapie schreibst, über die Zuwendung und Unterstützung, wirkt hilfreich. Den Kontakt zu Täterpersönlichkeiten zu meiden ist sicherlich schwer, wenn man auf konventionell und traditionell normalerweise nur positiv besetzte Weise als verbunden gilt, sei es bei Missbrauch oder Gewalt. Einzusehen, dass diese Beziehungen vergiftet bleiben, ist schwer, und dass dieses Gift durch Freundlichkeit injiziert wird, macht es noch schwerer. Ich wünsche dir Kraft.

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