OHRENSESSEL-GEDANKEN

OHRENSESSEL-GEDANKEN 2.19 – Kara

Sophie zittert am ganzen Körper. Ein Gefühlschaos bemächtigt sich ihrer. Ganz plötzlich hat es eingesetzt. Da ist sie wieder. Ganz unwillkürlich war K. wieder aufgetaucht, mit einer Heftigkeit, die Sophie weit aus ihrer in den letzten Wochen erlangten Balance wirft.

Wochenlang ging es ohne sie. Aber jetzt ist sie plötzlich wieder da, mit all ihrem Weiß, ihrer Liebe zur Reinheit und Ordnung und zur Liebe.

Noch mehr erschreckt Sophie, dass sie nicht bewusst in ihre zweite Persönlichkeit geswitcht war. Das passierte von selbst.

Sophie versucht, sie nicht zu beachten, aber Kara ist dieses Mal zu stark. Kara tritt in den Vordergrund, sie will frei sein. Sie will eigenständig Macht über Sophies Körper. Und je länger Kara um Freiheit kämpft, desto mehr erhält sie diese Macht.

Sophie gibt nach, der Kampf ist aussichtslos heute für sie…

Kara übernimmt die Führung. Sie macht Pläne für die nächste Zeit. „Erst einmal musst du an Gewicht verlieren“, sagt sie zu Sophie. „Du weißt schon, wie das geht. Atypische Anorexie nannten die Ärzte es damals. Aber die hatten Unrecht. Sauberkeit, Reinheit und nebenbei Gewichtsverlust erreichst du nur, wenn du deinen Darm reinigst und zwar mit Abführmitteln. Dann fühlst du dich wieder weiß und sauber und vor allem gut.“

Erschrocken kämpft sich Sophie mit aller Kraft frei, drängt Kara zurück und schafft endlich den Switch wieder in sich zurück.

Doch der Gedanke bleibt. Sophie will an Gewicht verlieren und erinnert sich an längst vergangene Zeiten. Das ging damals so schön. Sie aß sehr wenig und setzte Abführpillen ein, damit das was sie aß so schnell wie möglich wieder den Körper verließ. Das funktionierte gut. Pro Woche verlor sie ein Kilo. Und sie fühlte sich sauber.

Aber bis heute war sie nicht rückfällig geworden.

Nur … am Sonntag beginnt ein neues Leben. Da zieht sie in ihre neue Wohnung ein. Dann wird sie frei sein von jeglichem menschlichen Einfluss und von jeglicher menschlicher Kontrolle und kann alles tun, wozu sie Lust hat, da sie in dieser Wohnung allein wohnen wird.

Niemand kann sie mehr kontrollieren und sollte es jemand versuchen, wird sie das zu verhindern wissen.

Dieser Gedanke lässt sie ruhig werden.

Niemand wird mehr Kontrolle über sie ausüben…

Ein Traum wird für sie zur Wirklichkeit werden.

 

© Sophie Atheo

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12 Gedanken zu „OHRENSESSEL-GEDANKEN 2.19 – Kara“

  1. Du erkämpfst dir deine Freiheit, dir allein zu gehören wirklich an so vielen Schauplätzen, dass es dir an Erfahrung, auch mit der weissen Versuchung fertig zu werden, nicht mangelt.
    Mir scheint sie Ausdruck des religiös Moralischen, das den Menschen in seiner Natürlichkeit nicht mag. Wir essen, um zu leben, und nicht, um den Körper zu betrügen, der nach den Vorstellungen des „weissen Aspekts“ nicht bekommen kann, was er dazu benötigt.
    Du weisst ja sicher, dass die Gesundheit, vereinfacht gesagt, sich durch Arbeitsteilung zwischen körpereigenen Abwehrzellen und gutartigen Bakterien erhält, von den Letztgenannten leben die wichtigsten im Darm. Du wirst ihnen doch nicht mit Abführmitteln den Garaus machen wollen, nur weil ein unvernünftiger Aspekt der Moralerziehung nichts davon versteht, was es bedeutet, einen harmonisch funktionierenden Körper zu haben?
    Die uns umgebende Natur ist das anschaulichste Beispiel dafür, dass alles als „Schmutz“ Verachtete das Leben beherbergt, nährt und erhält. So etwas kann man mit dem Verstand nicht verachten, also ist es etwas anderes, das das Leben verachtet.
    Vielleicht ist das wunder-volle Thema Darmgesundheit und Immunsystem eine neue Richtung zum Lesen – quasi als Gegenmittel?
    Ich wünsche dir die notwendige Kraft bei der Verteidigung deiner Souveränität über deine Lebenskraft.

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    1. Liebe Heide!
      Du schreibst:
      „…Mir scheint sie Ausdruck des religiös Moralischen, das den Menschen in seiner Natürlichkeit nicht mag.“
      Du vermagst es wieder, wie schon öfter, mit absolut treffenden Worten, (d)einen Gedanken Ausdruck zu verleihen.
      Dieses WEISS ist mir so anerzogen, dass es mir sehr schwer fällt, mich von derartigen Gedanken zu distanzieren oder besser, sie zu durchschauen. Lieben Dank für deine Hilfe dabei.
      Ich werde das Thema nächstens bei meiner Psychotherapeutin ansprechen.
      Hab einen schönen Tag!
      Alles Liebe dir von Sophie :)

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  2. Oh nein, dann schon lieber eine dauerhafte Ernährungsumstellung. Aber vielleicht hast Du eh schon etliche Umstellungen hinter Dir, dann vergeht Dir freilich die Lust. Ich sollte nämlich jetzt einen Ernährungsplan mit Einkaufsliste aufgestellt bekommen, hab ich mich aber energisch geziert. Bin dann nochmal davon gekommen, ernähre mich doch eh schon päpstlicher als Papst.
    Aber sag mal, diese Abführmittel verlieren doch mit der Zeit ihre Wirkung. Damit müßte schließlich bereits ein absehbares Ende der Abnehm-Diät vorprogrammiert sein, oder?
    Brauchst auf meinen Kommentar nicht einzugehen, jedenfalls wünsche ich Dir einen kräftigen Gegenwillen gegen diese aufdringliche Kara in Dir.

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