OHRENSESSEL-GEDANKEN

OHRENSESSEL-GEDANKEN 1.19 – So viel Hilfe

 

Ich liege auf dem Bett. Durch das Dachfenster berühren die Nachmittagssonnenstrahlen mein Gesicht. Ich bin ganz ruhig. Keine meiner Zellen vibriert so stark, dass es mich stören würde. Meine Augen sind geschlossen, aber ich schlafe nicht. Ich bin auch nicht müde.

Ich denke darüber nach, was in den letzten Monaten so passiert ist, und es ist sehr viel passiert.

Zum einen bin ich seit sechsten Dezember geschieden. Zum anderen bin ich von den Zeugen Jehovas ausgetreten. Dann bin ich von Wien nach Salzburg zu meinem Bruder gezogen. Und weil mein Ex-Mann enorm viel Geld auf meinen Namen ausgegeben hatte, musste ich Privatkonkurs anmelden. Ich habe eine Zeit lang in einem Frauenhaus verbracht. Und auch einen zweimonatigen Krankenhausaufenthalt konnte ich nicht verhindern. – Das alles innerhalb eines halben Jahres.

Und jetzt …

Jetzt geht es mir gut. Da waren so viele helfende Hände, die mir beistanden und mir unter die Arme griffen und mich unterstützten. Ich fühlte mich in keiner Minute allein gelassen.

Sicher war es manchmal sehr schwer unvorhergesehenen Situationen zu begegnen und sie zu meistern.

Es ist eigenartig, aber ich hatte so unglaublich viel Glück.

Da waren die Frauen aus dem Frauenhaus, die mir etwas gekocht haben, als ich so krank war. Ich war vom Putzdienst befreit. Die Leiterinnen des Frauenhauses bemühten sich mir meinen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, indem sie mit mir meine Situation besprachen und mir bei den Amtswegen halfen.

Da war eine sehr liebenswürdige Ärztin, die mich stationär im Krankenhaus aufnahm, als mir die Bestrahlungen zu viel wurden.

Eine andere Ärztin sah sich meine Medikation durch und fand, dass diese völlig veraltet war und überstellte mich in die Psychiatrie zur Tabletteneinstellung.

Dort war ein besonders einfühlsamer Arzt, der mir das Gefühl gab, mich zu verstehen. Meine bipolare Störung mit schwerer Depression hielt mich zu dieser Zeit gefangen, sodass ich einen Suizidversuch unternahm. Aber wieder wurde ich behutsam zurück ins Leben geführt. Besonders denke ich da an meine Psychotherapeutin, die es verstand, mir mit ihrer außergewöhnlichen Merkfähigkeit und Einfühlsamkeit wieder Lebensmut zu geben.

Da war meine Betreuerin aus dem Frauenhaus, die mich durch den gesamten Scheidungsprozess begleitete.

Da war mein Betreuer bei der Schuldnerberatung, der sogar veranlasste, dass man mich zur Tagssatzung begleitete.

Da war und ist jetzt mein Bruder, der mich als der Krankenhausaufenthalt zu Ende war, zu sich nahm, damit ich nicht wieder ins Frauenhaus zurück musste. Er holte auch mit mir meine Sachen aus der alten Wohnung nach Salzburg. Und er war und ist da, wenn ich mich nicht gut fühle oder wenn ich ihn anderweitig brauche. Er hat in seiner Wohnung ein Nebenzimmer in dem ich seit November wohnen darf.

Da sind jetzt meine Schwester und mein Schwager, die ich nach langen Jahren, wieder kennenlernen und lieben durfte und die vorübergehend meinen Hausrat bei sich im Haus lagern.

Da sind jetzt mein Vater und meine Stiefmutter, bei denen die Tür immer offen ist und die mich auch, wo sie können, unterstützen.

Da ist jetzt meine Hausärztin, die noch sehr jung ist, aber die sehr kompetent und freundlich ist.

Da ist jetzt meine Psychotherapeutin, mit der ich mich auf Anhieb verstand und die mich durch die nächsten Wochen begleiten wird.

Da ist jetzt eine Sprechstundenhilfe einer Gynäkologin, die mich trotz gegenteiliger Anweisung ihrer Ärztin noch aufnahm.

Da ist jetzt der Zahnarzt der mir hilft, meine Kieferprobleme in den Griff zu bekommen und mich sofort an seinen Kollegen weitervermittelte, da der auf derartige Probleme spezialisiert ist.

Da ist jetzt der Psychiater, der mir vor dem Termin bei ihm schon einen Brief geschrieben hat, dass er mich in seiner Ordination herzlich willkommen heißt und mir alle Informationen mitteilte, die ich für das erste Gespräch brauchen würde.

Da ist jetzt der Immobilienhändler, der mir sofort nach einer schon vergebenen Wohnung ein anderes Angebot machte und als ich zusagte, alle Formalitäten sehr sorgfältig, zuvorkommend und freundlich erledigte und noch erledigt.

Da ist jetzt meine liebe Freundin in Wien, mit der ich täglich telefoniere, und wir uns gegenseitig Mut zusprechen.

Und da sind die vielen Amtspersonen, die mir freundlich den Weg wiesen durch alle Formalitäten.

Und da sind noch andere…

Tiefe Dankbarkeit erfüllt mich für alle diese Hilfen, die ich erfahren durfte. Ich fühle mich geschützt und beschützt.

Es ist eine lange Liste geworden.

Und doch gibt es da einen kleinen Wermutstropfen: Meine gesamte Familie, ausgenommen meine Schwester und mein Schwager, glauben, dass Gott mir im Moment so stark hilft. Sie meinen, er ziehe mich so stark, dass ich wieder in die Glaubensgemeinschaft zurückkomme. Jedenfalls hoffen sie das.

Und da beginnt mein Zwiespalt.

Nicht dass sich meine Ansichten geändert hätten. Ich kann nach wie vor an keinen Gott in religiösem Sinne glauben. Viel eher könnte es für mich eine starke Macht geben, die über dem Universum steht. Aber das wissen wir nicht. Das kann man nur glauben und Glauben habe ich nur an das Reale, das was ich sehe und das was ich anfassen kann.

Ich bin sehr dankbar, dass meine Familie so für mich da ist.
Nur, so sehr ich sie liebe – das was sie sich von mir wünschen, kann ich ihnen nicht geben – die Rückkehr zu den Zeugen Jehovas.

Ich liege noch immer auf dem Bett, die Sonne ist längst weitergezogen.

Und ich denke, es gibt doch immer wieder Dinge, die man nicht ganz lösen kann. In meinem Fall braucht es nun viel Toleranz, Akzeptanz und vor allem auch Respekt. Und ich glaube, die Liebe, die in unserer Familie herrscht, wird das schaffen.

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OHRENSESSEL-GEDANKEN
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33 Gedanken zu „OHRENSESSEL-GEDANKEN 1.19 – So viel Hilfe“

  1. Es ist auf jeden Fall keine Sünde, daran zu glauben, was Du für Dich empfindest, liebe Sophie.
    Hast ja wenig Privates bislang geschrieben, zumindest nicht, seit ich Dir folge. Bleibst Du jetzt in Salzburg? Ist mindestens so schön dort, wie in Wien. :-) Was macht die Festung? Bestimmt noch länger Baustelle, sie hat einiges an Schaden erlitten.
    Möge es so liebevoll, freundschaftlich und zuvorkommend für Dich weiterlaufen, wie Du es uns erzählt hast. Bussi, ich drück Dich auch noch ganz fest. :-*

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    1. Liebe Edith, schön, dass du wieder vorbeischaust bei mir und mir deine Gedanken da lässt.
      Das mit dem Empfinden von Sünde … da habe ich zwei Jahre gebraucht, um das auch so zu sehen, wie du das beschreibst.
      Ja, ich bleibe jetzt in Salzburg – bin ja auch hier geboren. :)
      Was die Festung Hohensalzburg betrifft, da bin ich noch nicht informiert – werde sie dann im Frühjahr „inspizieren“.
      Ganz lieben Dank, liebe Edith, für deine guten Wünsche.
      Ich drück dich auch ganz fest!
      Ganz herzliche Grüße und Bussi von Sophie :)

      Gefällt 1 Person

    1. Danke, lieber Dieter. Danke für deine Wünsche. Ja, Frieden wünsche ich mir auch. Deshalb habe ich mir für die nächsten zwei Jahre Ruhe verordnet und noch ein paar so Vorsätze. Ich komme mir vor wie eine hässliche Raupe, die jetzt ihren Kokon um sich baut bzw sich verpuppt, um sich dann zu einem etwas zu entfalten. Bin schon gespannt, was das dann wird. Jedenfalls heißt sich verpuppen Arbeit. Und das wird mir in meiner neuen Wohnung möglich sein.
      Alles Liebe von Sophie :)

      Gefällt 1 Person

  2. Für die weiteren Schritte alles Gute. Für jeden einzelnen davon.

    Ich glaube auch nicht daran, dass meine Kraft aus „Gott“ oder von sonst einer externen „Macht“ herrührt.
    Meine Kraftquelle entspringt aus mir selbst, aus meiner Kreativität zum Beispiel. Ohne meine Kreativität hätte ich nicht überleben können. Sie hat mich von frühester Kindheit an am Leben erhalten, hat mich weitermachen lassen, die Hoffnung genährt, dass alles irgendeinen Sinn hat, der sich mir irgendwann offenbart, wenn ich reif genug bin, ihn zu erfassen.
    Meine Kraft möchte ich nicht mehr von anderen beziehen, höchstens als „Ergänzung“.

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo nixblix,
      ganz lieben Dank für deine guten Wünsche.
      Danke für deine interessanten Zeilen.
      Ja, Kreativität ist auch eine meiner Kraftquellen. Und es gibt auch immer etwas zu entdecken in dieser Welt, das man noch nicht wusste oder gesehen hat. Die Vorfreude auf „Wissen entdecken“ ist eine große Kraftquelle für mich.
      Alles Liebe von Sophie :)

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  3. So viele gute Erlebnisse bei all den Widrigkeiten zu bekommen und voranzuschreiten, ist schon etwas, das Menschen, die dazu neigen, Zuschreibungen stets übergeordnet auf einen Fixstern in ihrem Glaubensfirmament zu adressieren, meinen, es kann nur diesen einen Grund geben, weshalb jemand „Glück hat“. Aber wenn man deine Aufzählung genauer liest, findet sich doch genug Ringen um dein Leben, das dir ganz wesentlich zusammen mit fremden Mitmenschen ohne Ansehen religiöser Bekenntnisse gelungen ist.

    Gefällt 4 Personen

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