OHRENSESSEL-GEDANKEN

OHRENSESSEL-GESCHICHTE 6.18 – Der Schneemann

20180118_schneemann_openS. sitzt vor ihrem Laptop und starrt den Bildschirm an. … Es fällt ihr schwer, einen klaren Gedanken zu fassen…

Aber gerade deshalb, weil sie so schwer die Kontrolle über ihre Gedanken gewinnt, hatte sie sich entschlossen, zu versuchen, diese in ihrem Tagebuch festzuhalten. Sie denkt sich, wenn sie eine Art Brainstorming macht, kann sie ihre Gedanken über das geschriebene Wort visualisieren und damit ihre anderen Sinne ins nachfolgende Ordnen mit einbeziehen.

Sie schließt die Augen und konzentriert sich auf ihren inneren rasenden Gedankenfluss. Behutsam schiebt sie K. und Amy beiseite, die sich ihr aufdrängen, und sie locken, in sie hinein zu switchen. Das wäre jetzt um so vieles angenehmer. Aber S. war sich bewusst geworden, dass ihr dieses Weg-Switchen zur Gefahr geworden war. Mit all ihrer Gedankenkraft geht sie in sich, vorbei an der dunklen Gestalt und beobachtet die Bilder, die sich ihr nun eröffnen.

Im Moment sind nur vorbeiflitzende Bilder zu erkennen und nicht deren Inhalt. Mit jedem Bild, das vorbeidriftet überfällt sie ein anderes Gefühl. Unfähig, auf den Bilder- und Gefühlsstrom Einfluss zu nehmen, lässt sie passieren, was grade geschieht. Schwindel erfasst sie…

„Ein Schritt zurück“, schießt es durch ihren Kopf. Vielleicht lässt sich dann etwas Konkretes erkennen. Aber sie steht wie angewurzelt in ihrer Innenwelt vor dem Bilderkarussell und kann sich nicht bewegen. Ein tiefer Schmerz überkommt sie … fährt ihr durch den gesamten Körper… sie erschrickt bis ins Mark … „Wo ist K.? Wo ist Amy? … Hilfeee!“ schreit es in ihrem Inneren. Sie schafft es, sich umzuwenden…

Auf einer Blumenwiese, auf einer wohlig weichen Decke sitzt Amy in ihrem weißen Kleid und blättert in ihrem Lieblingsbuch. Es ist Sommer. Sie liebt den Schneemann, von dem in dem Buch geschrieben steht. Auch die Schrift, es sind Grußbuchstaben, gefällt ihr sehr gut. Der Schneemann ist so schön weiß. Sie kennt das Buch sehr gut und weiß, dass der Schneemann auf Seite fünf dem ebenfalls weißen Hoppelhasen begegnet. Der ist sehr lustig und mit ihm gibt es immer etwas zu lachen. Der konnte auch so gut Grimmassen schneiden…

Ein Lächeln huscht über das Gesicht von S…

Da schrillt der Handywecker. Es ist vierzehn Uhr…

Amy nimmt den Klingelton zwar wahr, aber es widerstrebt ihr, die Augen zu öffnen. Sie hat große Angst vor dem dann einsetzenden Schmerz, dem Schwarz, das dann so übermächtig wird, wenn sie die Augen öffnet und S. begegnet. Und das will sie jetzt nicht. S. soll verschwinden, soll sich auflösen. Amy will mit ihr nichts zu tun haben. Sie hat Angst, dass ihr weißes Kleid schmutzig wird, wenn sie auf S. trifft.

Amy öffnet die Augen. Verstört schaut sie sich um. Wo war sie? Wo war die Sonne? Wo war ihr geliebtes Buch? Statt auf einer Blumenwiese, sitzt sie jetzt auf einem Sessel und ein Bildschirm leuchtet sie an. Sie steht auf. Eine unsägliche Müdigkeit überkommt sie.

Amy setzt sich in den Ohrensessel, lehnt sich zurück und schläft ein…

S. öffnet ihre Augen… Sie blickt auf ihre Uhr. Siebzehn Uhr fünfzehn. „Wie komme ich in den Ohrensessel? Es war doch eben noch dreizehn Uhr? Was wollte ich eigentlich? Ich saß doch gerade eben noch am Schreibtisch vor meinem Laptop?…“, denkt S. verwirrt.

S. nimmt ihr Handy in ihre Hand und wählt die Nummer des Psychotherapieinstitutes. Diese Nummer hatte sie von ihrem Arzt erhalten. Dieser hatte ihr ans Herz gelegt, dort vorstellig zu werden. Endlich ist auch S. überzeugt, dass sie Hilfe braucht…

 


OHRENSESSELGESCHICHTE 5.18 – Seelenschwarzweiß

OHRENSESSELGESCHICHTE 7.18 – Verlust


© Bild und Text Sophie Atheo

 

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5 Gedanken zu „OHRENSESSEL-GESCHICHTE 6.18 – Der Schneemann“

  1. Deine Geschichte weist Parallelen zur Geschichte EINER Spezies auf. Dieser ist gleichsam ein Trauma zugestoßen, welches sie seitdem zu verarbeiten versucht. Im Laufe des Versuchs, das Trauma zu verarbeiten, wandelt diese Spezies in Weiß gekleidet auf EINER blühenden Wiese, auf der keine Blumen, sondern technologische Errungenschaften in tollsten Farben sprießen. Das Tolle an diesem Fortschritt ist, dass er keinen Jahreszeiten unterworfen scheint und das ganze Jahr über blüht und so EINE Spezies künstlich aufblühen lässt, in der Annahme, sie sei auf dem richtigen Weg, um dem Trauma endlich zu entkommen.

    Wie mag EINE Therapie aussehen? Wie eine ANDERE Therapeutin?

    https://guidovobig.com/2017/04/20/die-andere-therapeutin/

    Oder EIN wenig ANDERS, aber nichtsdestoweniger ironisch ausgedrückt:
    Offensichtlich bis Du in bester Gesellschaft … doch im Gegensatz zu dieser, bist Du, nicht minder offensichtlich, der Wahrheit schon EIN wenig näher, während die Masse der Wahrheit gegenüber erblindet ist.

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