OHRENSESSEL-GEDANKEN

OHRENSESSEL-GESCHICHTE 5.18 – Seelenschwarzweiß

20180111_voltaire_bild_oeDer Handywecker schrillt. Es ist vierzehn Uhr.

Erschrocken schaut S. böse auf den Störenfried. Schnell setzt sie sich auf. Sie hatte bis gerade eben noch ganz vertieft in einem ihrer Jugendbücher gelesen. S. seufzt, es war so gemütlich gewesen an der Nordsee in dem kleinen Fischerhäuschen. Und Kalle, den sie gleich erwartete, um das Watt kennenzulernen…

„Ach, ja“, denkt sie, „Ohrensessel-Zeit…“

Widerwillig legt S. ihr Buch auf das Nachtkästchen. Diese Ohrensessel-Zeit ist ihr beim letzten Mal sehr nahe gegangen. Aber, S. hatte sich vorgenommen, ihren Tagesplan einzuhalten.

Obwohl … eigentlich sind ihr im Moment alle Arten von Fesseln zuwider. Und zwar deshalb so zuwider, weil sie, egal in welche Richtung sie denkt, an Grenzen stößt. Zum einen an die Grenzen der eigenen Denkfähigkeit, zum anderen an harte Mauern der gewachsenen Denkverbote und konstruierten Wahrheiten, denen S. gelernt hat eine nur für sie schlüssige Logik als Beweis zugrunde zu legen. Heute empfindet S. diese Wahrheiten als Gedanken-Konstrukte, die verhindern, dass der logische Menschenverstand einsetzt bzw irgendetwas hinterfragt oder kritisch angesehen wird.

„Nein … heute wird der Ohrensessel frei bleiben“, denkt S.

Sie legt sich wieder zurück und kuschelt sich unter ihre Decke. In ihrem Inneren herrscht Chaos. K. hatte sich wieder stark gemeldet und sie minutenweise in eine unglaublich schöne weiße Welt gelockt. S. hatte K. mit Erfolg widerstanden und hat es sich nicht erlaubt, K. zu folgen. Gelungen war S. das nur mit der Hilfe von sehr starken Medikamenten und ihrem eisernen Willen. Der Arzt hatte ihr gesagt, sie dürfe über K. nicht als Person reden, K. sei nur eine Seite von S. Verwirrt versuchte und versucht S. diesen Erwartungen gerecht zu werden, mit mäßigem Erfolg. S. verstand und versteht nicht, warum K. nicht sein darf. Von Amy, dem Kind, und von der dunklen Gestalt hatte sie noch gar nichts erzählt.

S. mag S. nicht. S. hat eine schwarze Seele und einen beschmutzten Körper, der sie Hässliches fühlen lässt. S. hat Sachen gesehen und erfahren, an die sie sich nicht mehr erinnern will. Leider passiert das immer wieder, dieses Erinnern. … Aber sie hat ja K. ….. S. kann das gut … das Hinein-Switchen in K.

Die Seele von K. ist weiß. Sie liebt weiße Blumen und Sauberkeit. Und … K. hat keine Erinnerung an schwarze Sachen oder an Dreck. Derartiges existiert nicht in K’s Kopf. Sie ist sehr vernünftig und trifft richtige Entscheidungen. Und ihre Gedanken sind frei, sie ist ein Freigeist und interessiert sich für Philosophie.

„Ich bin frei … so frei …“, denkt K.

K. schlägt die Decke zurück und steht auf. Sie geht ins Wohnzimmer zum Bücherregal. Sie sucht das Buch von Voltaire und findet es auf ihrem SuB. K. setzt sich in den Ohrensessel und beginnt zu lesen…

 


OHRENSESSEL-GESCHICHTE 4.18 – Beunruhigt

OHRENSESSEL-GESCHICHTE 6.18 – Der Schneemann


 

© Bild und Text Sophie Atheo
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7 Gedanken zu „OHRENSESSEL-GESCHICHTE 5.18 – Seelenschwarzweiß“

  1. Dem Seelenschwarzweiß ist das Farbamnesieschwarz sehr nahe, wenn dieses seinen Ursprung in EINEM Weltenbrandorange hat. Das Weiß vereint alle Farben in sich, weshalb Maler aus weißen Leinwänden ein Bild hervorholen können, denn in weißen Leinwänden stecken bereits alle möglichen Bilder. Ein Maler bedeckt dabei mit seinen Farben alle anderen Bilder, um das eine Bild zu ermöglichen, welches zuvor noch eine weiße Leinwand war.

    Bezüglich der Mauern: Je höher EINE Mauer errichtet wird, desto tiefer wird sie untergraben.

    LG

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      1. Erfreut, anstelle des gewöhnlichen “deiner Worte wegen“ von Dir das klangvollere “ob deiner Worte“ zu lesen. :-)

        Leider verlieren heutzutage Worte, im Kontext technologischer Verstümmelung, immer mehr ihr klangvolles Zusammenspiel. So tippen und sprechen wir zunehmend EINE Sprache, die Maschinen verstehen und immer seltener EINE, die der wirklichen Klangfülle der natürlichen Verwobenheit näher kommt. Sicher, jede Zeit hat ihre Sprache und Sprache wandelt sich wie das Klima sich wandeln muss, doch entscheidend ist, wie der Wandel interpretiert wird und welche Folgen sich aus der Interpretation ergeben …

        LG

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