OHRENSESSEL-GEDANKEN

OHRENSESSEL-GESCHICHTE 2.17 – Der bewusste Augenblick

Sie hält den Atem an. Ganz leise schleicht sie sich an den Grabstein heran. Einen Fuß setzt sie behutsam vor den anderen. Die Sonne brennt sich auf ihrem Rücken in ihr schwarzes T-Shirt. Mittagsstille ringsherum. Von fern her hört sie das Klappern von Milchkannen vom Bauernhof, der an den Friedhof angrenzt.

Der Grabstein ist gänzlich mit Bronze überzogen. Da – ein leiser Windhauch streicht über ihren Arm, hin zu dem feinen Wesen, das da gerade regungslos auf dem Metall verweilt. Ihr Herz pocht schneller. Lautlos hebt sie ihre Kamera und richtet sie auf den kleinen schillernden Federgeist, der da sitzt. Er bewegt sich nicht. Es ist als ob er wüsste, dass es jetzt auf Stillhalten ankommt.

Sie wagt fast nicht zu atmen, während sie von dem wunderschönen Schmetterling Aufnahmen macht und ihn ablichtet. „Seltsam…“ denkt sie während sie knipst und knipst. „An dem Ort des Todes, an dem Ort wo das materielle Enden zu Hause ist, unternehme ich Anstrengungen ein kleines Leben über dessen Tod hinaus zu bewahren? … Nein, das ist nicht exakt gedacht. … Ich erhalte eigentlich nur eine mich beeindruckende Schönheit etwas länger in meiner optischen Wahrnehmung und somit in meiner Erinnerung, die ich immer wieder auffrischen kann, sooft ich mir später eines dieser Bilder ansehe, die ich jetzt davon mache.“

Immer näher kommt sie dem schillernden Etwas. In diesem Moment bedauert sie, dass sie noch immer nicht in eine Spiegelreflexkamera investiert hatte. Aber gleich besinnt sie sich wieder auf ihre Vorliebe zu den einfachen Dingen. Das war auch der Grund, warum sie sich gerade für dieses schlichte Gerät entschieden hat.

In diesem Moment kommt Leben in das Tagpfauenauge und nimmt sie völlig gefangen. Es scheint fast so, als hätte es geschlafen und wäre soeben aufgewacht. Erst beginnen sich die Fühler ganz sacht zu bewegen. Sie zittern ein wenig. Fasziniert beobachtet sie die leisen Bewegungen. Und als sie ganz genau hinschaut und sich weit hinunter beugt, nimmt sie sogar den farbigen haarigen Pelz auf den Flügeln wahr, der in tausend Farbschattierungen in der grellen Sonne schimmert.

Eine unbändige Freude empfindet sie in diesem Augenblick. Sie kann eines ihrer Lieblingswesen in Natura ganz nahe beobachten…

DSC00075 (2)

…..

Ja, damals in diesen Minuten war sie ganz im Augenblick gefangen und in der Gegenwart gewesen.

Heute sitzt sie wieder, wie jeden Tag am Nachmittag, in ihrem Ohrensessel erinnert sich an diese Momente am Friedhof in diesem wunderschönen kleinen Ort. Sie denkt nämlich darüber nach, wann sie sich das letzte Mal so richtig bewusst im Jetzt gefühlt hat. Und da kamen ihr der Schmetterling und der Friedhof in den Sinn.

Eigentlich wünscht sie sich solche derartig intensiven Lebensmomente im Heute, wo sie ganz nah bei sich ist und sich selber spürt. Spürt, dass sie lebt, und zwar jetzt.

Langsam schließt sie die Augen. Nun lässt sie ihre kleine Leseecke in ihrer Phantasie in ihrem Inneren von ihrem Geist nachbauen. Da ist in dem einen Winkel des Wohnzimmers das Eckregal, voll mit ihren Buchschätzen. Gleich daneben steht zwischen dem Lehnsessel und dem Schrank ein kleines Glastischchen. Der heiße Tee in dem rot gepunkteten Häferl darauf dampft lautlos vor sich hin.

Sie schlägt die Augen auf und nimmt dasselbe Bild, das sie mit geschlossenen Augen vor sich hatte, wahr. Nun ist sie im Jetzt, sowohl innen als auch außen.

„Ja, so kann es gehen“ denkt sie. Sie bekommt eine leise Ahnung davon, wie sie die Reise in die Gegenwart antreten kann…


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© Text und Bild Sophie Atheo

 

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10 Gedanken zu „OHRENSESSEL-GESCHICHTE 2.17 – Der bewusste Augenblick“

  1. EINE schöne Geschichte über das Festhalten und Loslassen.
    Um dem Wesen des Lebens wirklich nahekommen zu können, sollte man jederzeit bereit sein das Foto, welches einem gelang, egal, wie lange es brauchte, um gelingen zu können, wieder zu löschen, ohne es zu bereuen. Frei zu lassen, was ansonsten, wenn auch nur im Kleinen, einem Energieraub gleichkäme, denn das wäre es, wenn der Schmetterling längst vergangen ist und man selbst noch über sein Abbild verfügen kann. Die ehrlichste Kamera ist der Augenblick selbst, denn nur der Augenblick kann das Wesen des Lebens im Kontext des Lebens erspüren. Stellt sich die Frage, was EIN Grabstein ist …

    LG Guido

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    1. Hallo Guido,
      vielen Dank fürs Lesen meiner Geschichte.
      Deine Gedanken dazu sind sehr tiefgehend und ich brauchte etwas Zeit um die Tiefe zu erfassen … oder auch nicht … ich denke immer noch nach über deine Zeilen. Es steckt sicher eine Menge erlebte Geschichte hinter jedem Wort. Deshalb ist es mir sicher auch nicht möglich bis ins Detail genau den Bedeutungshintergrund zu erfahren. Was bei mir angekommen ist: 1. In deinen ersten Worten steckt für mich die Fähigkeit sowohl Materielles als auch Geistiges das wir ergriffen haben jederzeit wieder loslassen zu können. – 2. Inwiefern ein Bild von einem Schmetterling, das ihn überlebt, einem Energieraub gleich kommt, entzieht sich meiner Einsicht. – 3. Der personifizierte Augenblick ist ein interessanter Ursprungsgesichtspunkt. …
      Vielen Dank jedenfalls für deine Mühe mich an deinen Gedanken teilhaben zu lassen.

      LG
      Sopie

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      1. Punkt 2 dürfte für viele Menschen, die mit permanenter Verfügbarkeit von Gütern und Energie aufwachsen, nicht leicht nachvollziehbar sein. Das Beispiel des Schmetterlings ist dabei nur EINE der leichtesten Formen von Energieraub. Würdest du einzig den Anblick, mit all seinen sinnlichen Eindrücken als Erinnerung verinnerlichen, anstatt auf den Auslöser zu drücken und einen Teil der sinnlichen Eindrücke nicht wahrnehmen, weil du ja mit Fotografieren beschäftigt bist, dann würde die Erinnerung umso eher wieder verblassen, je mehr sie in Vergessenheit gerät. Zu Vergessen bedeutet aber auch loslassen zu können und somit wieder etwas freigeben zu können. Je mehr du aber etwas in Erinnerung behalten kannst, desto mehr Energie hast du aufgenommen und bist du selbst bereit zu geben, um etwas in Erinnerung zu behalten, wodurch es für dich auch von Bedeutung ist. Bei EINEM Foto dagegen wird die Energie des Eindrucks vom Schmetterling mit weiterer Energie umso mehr verewigt, sprich, festgehalten, je länger das Foto existieren soll. Früher verblassten auch Fotos und somit manche Erinnerung. Heute braucht es permanent zur Verfügung stehenden Strom, um EIN Foto als Datei über lange Zeit vor dem Vergessen zu bewahren. Daher meine Frage, was EIN Grabstein ist? Ist er nicht EIN in Stein gemeißeltes Foto von EINEM Verstorbenen, das lange bewahrt bleiben soll? Oder noch EIN wenig ANDERS gefragt: Ist die Vergangenheit, wie wir Menschen sie handhaben, nicht EIN immer größer werdender Energiespeicher, weil immer mehr geraubte Energie darin verwahrt wird – durch Erinnerungen, die nicht vergehen sollen?

        LG

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  2. Ich habe auch viele Jahre sehr intensiv fotografiert. Dann kam mehr und mehr die Digitalisierung ins Spiel und nun fotografiere ich überhaupt nicht mehr – ohne das Fotografieren zu vermissen, aber doch dankbar dafür, was mir das Fotografieren über unsere Wahrnehmung gelehrt hat ;-)

    EIN Foto ist wie das Sezieren eines gewundenen, rauschenden Flusses. Was dir bleibt, ist EIN Stück Wasser – für das du immer EIN passendes Gefäß benötigst …

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      1. Weil die Möglichkeiten der Technik einen Augenblick längst anders erscheinen lassen, ganz abgesehen davon, dass jedes Bild am Bildschirm verändert, angepasst, manipuliert werden kann und man ohne Probleme von einem Augenblick EINE Sequenz aufnehmen kann, von der man dann am Bildschirm das “beste“ Bild herauspicken kann. Man “kann“ also längst weit mehr, als einem Augenblick im Grunde zusteht, um EINEM als unvergesslicher Moment im Gedächtnis zu bleiben. Paradoxerweise vermag genau das ein Augenblick umso weniger, je mehr Technik ihm begegnet. Deshalb “sammle“ ich jetzt Augenblicke statt Bilddateien.

        LG

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  3. Liebende weise Sophie

    ..anrührend
    Auf dem Grabstein jenses Wesen
    Dessen Methamorphose
    Von der nimmersatten Raupe
    Zum ätherischen Schmetterling
    Goethe so tief veranschaulichte
    Hat der Kosmiker Rudolf Steiner
    Als unsere Toten begleitend auf der Reise
    Zwischen Anderswelt und Diesseits beschrieben

    Dankend
    Den Segen
    Dir Joaquim von Herzen

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