OHRENSESSEL-GEDANKEN

OHRENSESSEL-GESCHICHTE 1.17 – Die laute Stille

Still ist es geworden um sie herum, nachdem sie sich Mauern aufgebaut hat. Mauern in alle erdenkliche Richtungen. Richtig eingemauert hat sie sich. Außerhalb dieser Begrenzungen toben die Geräusche der Welt. Aber sie ist in der Stille. Es war nicht einfach, diese Umgebungsstille zu erreichen, aber es ist ihr gelungen. Folgenschwere Entscheidungen hat sie dafür treffen müssen. Ihr überbelasteter Körper und ihre angeschlagene Psyche zwangen sie dazu. Sie musste sich von den Menschen, die ihr Leben negativ berührten, verabschieden, und sie ziehen lassen. Und sie gingen, einfach so. Übrig blieben nur drei Wesen und bei zwei von den dreien ist sie sich immer noch nicht sicher, ob sie ihr oder eher das eigene Wohl im Sinn haben bei der Begegnung mit ihr. Das will sie in der nächsten Zeit herausfinden, da diese zwei ihr persönlich sehr am Herzen liegen.

Und nun…

Sie sitzt in ihrem Ohrensessel. Ihre Augen sind geschlossen. Stille. Fast völlig zur Ruhe gekommen atmet sie tief durch. Das Wissen darum, dass sie für niemanden mehr erreichbar ist, beruhigt sie immer mehr und sie genießt das ungemein. In ihren Ohren dröhnen ihre lauten vergangenen Lebensjahre noch nach. Fast zu lange hatte sie gebraucht, zu merken, dass ihr Leben zu laut war. Eine zweijährige Ruhephase hat sie sich verordnet. Nach den vielen turbulenten Jahren, die hinter ihr liegen, hat sie ein tiefes Bedürfnis nach Einkehr in sich selbst. Und endlich hat sie es erreicht, diesem tiefen Wunsch Raum zu geben und die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen.

Zwei Jahre, die vor ihr liegen. Sie hat viel vor in dieser vor ihr liegenden Zeit. Sie weiß, dass sie sich über einige grundlegende Denkweisen, die ihr inne wohnen und wohnten, klar werden muss, ob sie diesen weiter treu bleiben soll oder nicht. In diesem Moment wird ihr bewusst, dass sie, so wie sie ihre äußere, sie berührende Umgebung reduziert hat, auch ihre innere Gedankenwelt reduzieren wird müssen.

Sie will, dass auch in ihrem Kopf Stille einkehrt. Da ist es immer noch sehr laut. Ungestüm herrscht da ein wildes Durcheinander. Zu vieles hat sie während ihrer bisherigen Lebensjahre gesehen, gehört, geschmeckt, gerochen, berührt … einfach gefühlt. Sie hatte unbändig das Leben aufgesogen und unzensiert alles Wissen, das ihr begegnete konsumiert, fast ohne jedweden Filter. Das war die Reaktion auf ein Manko in ihrer Kindheit und Jugendzeit. Sie war bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr fast völlig von der pulsierenden sich drehenden Welt ausgesperrt gewesen. Als sie an dieses Ausgesperrt-Sein denkt, fängt sich alles zu drehen an. Sie muss einen Punkt machen. Jetzt sofort. Und sie tut es. Sie stoppt ihre Gedanken und kehrt in das Jetzt zurück, in die Stille, die sie umgibt.

Bewusst nimmt sie ihre Umgebung wahr. Da war ihr neues Bücherregal, das sie so mit Stolz erfüllt und der neue Ohrensessel, den sie sich schon seit Jahren gewünscht hatte.

Draußen pfeift der Wind ums Haus. Es regnet. Die Uhr tickt. Eine Fliege nimmt die Fensterscheibe nicht wirklich wahr und stößt immer wieder dagegen. Mit einem kaum wahrnehmbaren Summen startet sie immer wieder los, gegen das tropfenbehangene Glas.

Diese beiden Geräusche, das Ticken der Uhr und das Summen der Fliege, katapultieren sie gedanklich mit einer solchen Wucht in ihre Kindheit, dass sie erschrocken die Augen öffnet. Mit einem Schlag ist sie wieder in der Wirklichkeit, um gleich wieder umzuschalten zu jener denkwürdigen lange zurück liegenden Zeit. Augen auf, Wirklichkeit – Augen zu, Kindheit.

Unheimlich laut ist es in der Stille plötzlich geworden. Ihr Puls steigt unaufhörlich. Bildfetzen drängeln sich vor ihrem inneren Auge.

Da kommt es tief aus ihrem Inneren heraus: „NEIN!“

Sie atmet tief ein und aus. Ein – aus. Ein – aus. Langsam mit diesem Ein- und Ausatmen kann sie ihre maßlose innere Aufregung etwas verringern. Sie braucht eine ganze Weile, bis sie die Stille, die von außen auf sie eindringt, wieder wahrnehmen kann.

Da wird ihr bewusst, dass es nicht leicht werden würde, ihr Inneres zu ordnen und zu beruhigen in den nächsten zwei Jahren.

Aber – eines hatte sie schon geschafft, sie hatte zumindest Bedingungen für eine äußere Stille geschaffen. Und darauf war sie stolz.


OHRENSESSEL-GESCHICHTE 2.17 – Der bewusste Augenblick


 

Hallo lieber Leser!
Schön, dass du in diese Geschichte eingetaucht bist.
Was mich interessieren würde, ist, was bei dir das Wort „Stille“ auslöst oder bewirkt oder welche Assoziationen es bei dir hervorruft?
Vielleicht lässt du mich an deinen Gedanken oder Geschichten dazu teilhaben?…
Einen schönen Abend wünscht
Sophie
:)

 

PS:
Einen Dank an Heidrun Sommer möchte ich hier festhalten, deren Blog mich zu dieser Geschichte die Stille betreffend inspiriert hat.
Sie verwendet das Wort STILLE immer wieder zwischen ihren wunderbaren Zeilen.
Sie bloggt unter   
F R A U E N S E E L E .

 

 

© Text und Bild Sophie Atheo
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8 Gedanken zu „OHRENSESSEL-GESCHICHTE 1.17 – Die laute Stille“

  1. Stille ist dort, wo das Schweigen keinen Zutritt hat.
    Stille ist längst ein Gut, das, in EINER Welt permanenter Verfügbarkeit, sich ANDERweitig Gehör verschafft.

    Stille ist auch ein großes Thema meines dissoziativen Romans, bestehenden aus 42 Kurzgeschichten ;-) – sozusagen 42 stille Geschichten, die EINEM Schweigen auf der Spur sind.

    LG Guido

    Gefällt 1 Person

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